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Deutsches Institut für Japanstudien

André Hertrich

Geschichte, Japanologie
Seit September 2004
(Stipendiaten, 1. September 2004 - 31. Oktober 2005)

 Dissertationsvorhaben

Die japanische Wiederbewaffnung zwischen Kontinuität und Neuanfang. Die jieitai und das „Erbe“ der Kaiserlichen Armee

In meinem Forschungsvorhaben möchte ich mich mit Fragen nach Kontinuitäten und Diskontinuitäten zwischen Kaiserlicher Armee und jieitai befassen. Dabei möchte ich auch den überschaubaren Personenkreis der höheren Offiziere der jieitai in den Blick nehmen. Dass es sich bei der Gruppe der ehemaligen Offizieren in der jieitai um eine Kontinuität auf personeller Ebene handelt, ist klar. Es geht also vielmehr um die gewandelte Rolle des Militärs in der ebenfalls veränderten politischen Landschaft und Gesellschaft Japans in der Nachkriegszeit. Die japanische Regierung berief sich auf das Primat des Politischen und übte dies durch eine strenge zivile Kontrolle aus. Aufgrund des Artikel 9 hatten die Streitkräfte zudem einen verfassungsmäßig unklaren Status.
Für die ehemaligen Offiziere der Kaiserlichen Armee in der jieitai bedeutete dies einen Wandel der Aufgaben und Anforderungen im Vergleich zur Situation bis 1945. Diese Gruppe von Offizieren war durch ihre Erfahrungen in der Armee eines autoritären, undemokratischen Staates geprägt, nun dienten sie als Soldaten eines parlamentarisch-demokratischen Staates, was im Idealfall auch zu einem Wandel ihres soldatischen Selbstverständnis führte.
Mit der Kapitulation 1945 kam es für die japanische Armee zu einem Bruch ihrer Militärgeschichte. Der Tennô verlor seine Göttlichkeit und war nur noch Symbol des Staats, er  konnte somit keine Legitimationsfigur mehr darstellen. Ebenso wenig konnten bushidô oder  kamikaze-Angriffe als ideologische Grundlage der jieitai dienen. Auch in der Öffentlichkeit war das Bild der Kaiserlichen Armee diskreditiert. Dies weniger durch die begangenen Verbrechen, wie das Nanjing-Massaker oder die Zwangsprostitution, als vielmehr durch die Tatsache, durch einen aggressiven Krieg Japans Niederlage und Zerstörung verantwortet zu haben. Die jieitai und ihre Führung mussten sich also von den Traditionen der Kaiserlichen Armee lösen und gleichzeitig den Erfordernissen einer Streitkraft eines demokratischen Staats genügen und das Primat der Politik und die zivile Kontrolle anerkennen. Einfache Soldaten waren keine Untertanen mehr, sondern mit Rechten ausgestattete „Staatsbürger in Uniform“, dies machte andere Formen der Führung und Ausbildung notwendig.
Darüber hinaus handelte es sich wegen des Artikels 9 im offiziellen Sprachgebrauch bei der jieitai nicht um eine Armee. Daraus ergab sich innerhalb der jieitai eine Sprachregelung, die den militärischen Charakter der jieitai zu verschleiern versuchte. Damit sollte auch eine Kontinuität des Militärs und des Militarismus vor 1945 kaschiert werden.
Trotz der Bemühungen, mit der Wiederbewaffnung einen militärischen Neuanfang zu gestalten, war die jieitai eine Armee, die teilweise ihre Wurzeln in der Kaiserlichen Armee hatte und deren Offiziere und einfache Soldaten vielfach durch ihre militärischen Erfahrungen bis 1945 geprägt waren. Dies führt zu folgenden Fragen: Wie wurde innerhalb der jieitai mit dem „Erbe“ der Kaiserlichen Armee umgegangen, wie bei den verantwortlichen politischen Stellen, wie dem Verteidigungsamt und der Regierung? Welche Aspekte des Soldatenbildes und der militärischen Tugenden aus der Zeit vor 1945 wurden, reflektiert oder unreflektiert, übernommen und welche abgelehnt? Wie war der Umgang innerhalb der jieitai mit dem Andenken an „Kriegshelden“ und Vorbilder der Kaiserlichen Armee? Wie ausgeprägt war das Beharrungsvermögen der Gruppe der ehemaligen Offizier gegenüber der zivilen Verteidigungsbürokratie und den Offizieren, die den Krieg nicht als Soldaten erlebt hatten? Inwieweit blieb die Konkurrenz der Teilstreitkräfte der Kaiserlichen Armee bestehen und wie wirkte sich dies aus? Wie groß war überhaupt der Gestaltungsspielraum der jieitai-Führung unter der zivilen Kontrolle?