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Deutsches Institut für Japanstudien

Andreas Marks

Ostasiatische Kunstgeschichte
Seit März 2005
(Stipendiaten, 1. März 2005 - 28. Februar 2006)

Die Tōkaidō-Serien von Utagawa Kunisada (1786 – 1865)


Die Tōkaidō 東海道 war die wichtigste Verkehrsader Japans in der Edo-Zeit (1603 – 1868). Sie verband die beiden politisch bedeutendsten Städte, Edo (das heutige Tōkyō) der Sitz der Tokugawa-Regierung im Osten, mit dem kaiserlichen Kyōto im Westen. Der Streckenverlauf wurde der gebirgigen Struktur des Landes angepasst. Sie war Teil eines Netzwerkes von größeren und kleineren Landstrassen, die die drei Großstädte Edo, Kyōto und Ōsaka mit kleineren Städten im ganzen Land verband. Obwohl die Tōkaidō als Landstrasse auf ein bestimmtes topographisches Areal festgelegt ist, ist ihre Geschichte eng verbunden mit der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung ganz Japans. Keine der anderen Landstrassen erlangte solch einen Nationalstatus und Aufmerksamkeit wie die Tōkaidō. Auch der deutsche Dr. Philipp Franz von Siebold, der 1826 auf der Tōkaidō reiste, berichtete über deren Effizienz. Die Bestzeit der offiziellen Express-Kurierreiter lag schon 1696 bei 56 bis 60 Stunden für die ca. 495 km lange Gesamtstrecke.


Im Jahre 1635 wurde unter Tokugawa Iemitsu (1604 – 1651) das sogenannte sankin kōtai System 参勤交代 institutionalisiert. Dabei handelt es sich um ein System alternierender Anwesenheitspflicht in Edo. Die Lehnsfürsten mussten ein Jahr in Edo leben und ein Jahr auf ihrem Lehen, jedoch durften Frau und Kinder während ihrer Abwesenheit von Edo dieses nicht verlassen. Durch dieses System wurde der Verkehr gerade auf der Tōkaidō vorgegeben.


Mit der Öffnung des Landes in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und der Meiji-Restauration von 1868 begann eine Modernisierung und Industrialisierung, die das Ende der alten Lebensweise mit sich führte. Die Tōkaidō und mit ihr die anderen Landstrassen verloren ihre Hauptfunktionen. Das sankin kōtai System wurde 1868 eingestellt und ein Jahr später schaffte man auch das allgemeine Reise-Kontrollsystem ab. Mit dem Beginn des Baus von Eisenbahnlinien 1872 und der Vernetzung des Landes mit Telegraphenleitungen 1880 bestand keine Notwendigkeit mehr für Reisen zu Fuß und für ein Postpferdesystem.


Im 17. Jahrhundert setzte man sich in Literatur und Kunst vermehrt mit dem Thema Tōkaidō auseinander. Das Tōkaidō meishoki 東海道名所記 („Aufzeichnungen über berühmte Sehenswürdigkeiten auf der Tōkaidō“) von Asai Ryōi 浅井了意 (1612 – 1691) stammt aus dem Jahr 1659 und beschreibt humoristisch die Reise des Mönchs Raku-Amidabutsu und seines jungen Begleiters.


Ein äußerst umfangreiches Kompendium von Materialien aus Geographie, Geschichte und Literatur ist das Tōkaidō meisho zue 東海道名所図会 („Skizzen von Sehenswürdigkeiten auf der Tōkaidō“) von Akisato Ritō 秋里籬島 (1780 – 1814) aus dem Jahr 1797. Landschaftsdarstellungen dominieren dieses Werk und es hatte starken Einfluss auf Hiroshiges berühmte Landschaftsserien.


Aus den Jahren 1802 bis 1822 stammt das Tōkaidō chū hizakurige 東海道中膝栗毛 („Auf Schusters Rappen über die Ostmeerstrasse“) von Jippensha Ikku 十返舎一九 (1766 – 1831). Die Spaßvögel Kitahachi und Yajirōbei erleben einige Abenteuer auf ihrer Reise. Das Werk erfreute sich großer Beliebtheit und die Protagonisten und ihre Erlebnisse wurden immer wieder Motive einzelner Blätter von Tōkaidō-Serien verschiedener Künstler.
Ukiyo-e 浮世絵, die „Bilder der vergänglichen Welt“, dienten der Unterhaltung des Bürgertums in der Edo-Zeit. Von 1804 bis ca. 1890 entstanden als Einzel- bzw. Gemeinschaftsarbeiten insgesamt rund 80 Holzschnitt-Serien mit Bezug zur Tōkaidō. Katsushika Hokusai 葛飾北斎 (1760 – 1849) war der erste ukiyo-e-Künstler, der sich intensiver mit der Tōkaidō auseinander setzte. Von 1804 bis 1810 entstanden neun Serien in kleineren Formaten (einige ohne Serientitel).
Berühmt sind jedoch vor allem die Serien von Utagawa Hiroshige, allen vorweg die sogenannte „Hōeidō-Serie“ Tōkaidō gojūsan tsugi no uchi 東海道五拾三次之内 („Von den 53 Stationen der Tōkaidō“) aus den Jahren 1832 bis 1833, über die es unzählige Publikationen gibt. In den Folgejahren bis 1856 entstanden von Hiroshige mindestens 18 weitere Serien zu diesem Thema.


Ohne jegliche Zweifel war Utagawa Kunisada 歌川国貞 (1786 – 1865) zu Lebzeiten der beliebteste und berühmteste aller Holzschnittmeister in Japan. Sein Ruhm reichte über das ganze Land und selbst kleine Kinder kannten seinen Namen. Im Gegensatz zu heute war er sehr viel populärer und geachteter als Hiroshige.


Sein Leben ist gekennzeichnet durch einen unbändigen Schaffensdrang. Vor allem für die Erforschung der Theaterwelt sind seine Werke von herausragender Bedeutung. Durch sie lässt sich Theatergeschichte schreiben, denn er verewigte und dokumentierte alle großen Aufführungen und Schauspieler seiner Zeit.


In den 80 Jahren seines Lebens sind von Kunisada und in seiner Werkstatt mehrere Zehntausend ukiyo-e entstanden. Die große Beliebtheit Kunisadas lässt sich an der hohen Auflage einiger seiner Blätter ablesen. Hierbei ist vor allem die extrem hohe Auflage eines Druckes aus der Serie „Yakusha mitate Tōkaidō gojūsan tsugi no uchi“ 役者見立東海道五十三次之内 („Schauspieler frei erfunden: Von den 53 Stationen der Tōkaidō“) zu bemerken. Es handelt sich um die Station „Okazaki-eki“ 岡崎駅 mit dem Schauspieler Nakamura Utaemon IV 四代目中村歌右衛門 in der Rolle des Masaemon政右衛門. Eine Auflage von 3.000 bis 4.000 Drucken war bereits ein Verkaufserfolg, von diesem Blatt wurde aber die unerhörte Zahl von 7.000 Drucken produziert.
Ziel dieser Arbeit ist die Herausarbeitung der Stellung und Bedeutung der Tōkaidō-Serien von Utagawa Kunisada in der Geschichte der ukiyo-e und in seinem Gesamtwerk. Die zu untersuchenden Serien kann man in folgende Typen unterteilen:




  1. alle Blätter sind von Kunisada signiert,
  2. alle Blätter entstanden in Zusammenarbeit mit anderen Künstlern und tragen sowohl die Signatur von Kunisada als auch die eines anderen Künstlers,
  3. nur einige Blätter sind von Kunisada signiert, die anderen stammen von verschiedenen Künstlern.

Diese elf Serien aus den Jahren 1833 bis 1864 sollen auf folgende Fragestellungen hin analysiert werden:




  • Einordnung der Serien Kunisadas in den Gesamtzusammenhang der ukiyo-e Tōkaidō-Serien. Hat Kunisada einen neuen Ansatzpunkt in der Art der Darstellung des Tōkaidō-Themas eingebracht und andere Künstler dadurch beeinflusst?
  • Welche Inspirationsquellen und Kooperationen lassen sich aufzeigen
  • Gibt es eine Interdependenz der Tōkaidō-Serien zum Gesamtwerk Kunisadas
  • Rolle der Landschaft
  • Aus welchen Teilen sind die Blätter einer Serie collagiert
  • Analyse der Intertextualität und der verwendeten Symbolik (berühmte Gedichte, Legenden, Romanpassagen etc.). Treten diese Symbole bei allen Serien gleichermassen auf bzw. stehen sie immer in Zusammenhang mit einer bestimmten Station oder variieren sie
  • Ist die primäre Funktion nicht im Widerspruch zum Titel, der ein anderes Thema impliziert als das real dargestellte (z. B. Schauspieler)
  • Dependenz Kunisadas von seinem Publikum und Herausarbeitung der Entstehungsgründe der einzelnen Serien. Inwieweit entsprach Kunisada dem Wunsch seines Publikums



Mitgliedschaften:


Association of Asian Studies, Inc.
Society for Japanese Arts
国際浮世絵学会 (International Ukiyo-e Society)
Ukiyo-e Society of America, Inc.