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Deutsches Institut für Japanstudien

Bettina Lockemann

Kunstwissenschaft/Fotografie
Seit April 2006
(Stipendiaten, 1. April 2006 - 30. Juni 2006)

Dissertationsthema:


Das Fremde sehen


Der europäische Blick auf Japan in der künstlerischen Dokumentarfotografie der Gegenwart
Durch Wirtschaftsboom und Globalisierung hat im ausgehenden 20. Jahrhundert das Interesse an und die Auseinandersetzung mit Japan in Europa stark zugenommen. Hinderlich für diese Auseinandersetzung ist jedoch die gängige Grundannahme einer für Japan charakteristischen Andersartigkeit, die sich in der aus europäischer Sicht erstaunlichen wirtschaftlichen Entwicklung der letzten 150 Jahre sowohl manifestiert als auch mit dieser kontrastiert. Ein tiefgreifendes Verständnis der japanischen Kultur konnte sich aus dieser Prämisse jedoch kaum entwickeln: Übrig bleibt häufig das Rätsel Japan. Diese Erkenntnis bildet eine Ausgangsbasis meiner Auseinandersetzung mit Japan. Insbesondere die visuellen Repräsentationen Japans lassen uns dieses Land als oszillierend zwischen Tradition und Moderne erscheinen, als geprägt von einem kulturellen Riss zwischen lebendiger Tradition und dominanter industrieller Moderne.


Fast zeitgleich mit der Erfindung der Fotografie vollzog sich die Öffnung Japans gegenüber dem Westen. Deshalb ist der fotografische Blick auf Japan besonders interessant. Die Fotografie wurde Zeugin des Übergangsprozesses von der Feudal- hin zu einer modernen Industriegesellschaft. Während aber beispielsweise in der Literaturwissenschaft die Entwicklung des europäischen Japanbildes bereits gründlich erforscht worden ist, fehlt eine Untersuchung der visuellen Repräsentationen und wie sie unser Japanbild bis heute prägen. Zudem scheint nach wie vor ein Großteil der heutigen fotografischen Bildproduktion an exotisierende Traditionen der europäischen Japanfotografie aus dem 19. Jahrhundert anzuknüpfen und Japan klischeehaft darzustellen. Von diesen Mainstream-Produktionen unterscheidendet sich jedoch das Japanbild einiger zeitgenössischer Künstler, die sich einer amerikanischen Tradition der Dokumentarfotografie seit Walker Evans verpflichtet fühlen.


Ziel ist es, Voraussetzungen zur visuellen Repräsentation fremder Kulturen in einer weitgehend globalisierten Welt zu ermitteln und eurozentrische Sichtweisen kritisch zu hinterfragen. Das Gewicht liegt dabei auf der zeitgenössischen künstlerischen Dokumentarfotografie. Am Beispiel Japans und unter Einbeziehung der Problematik des Fremden und der Stereotypenbildung sollen die Möglichkeiten dieser künstlerischen Dokumentarfotografie erforscht werden.


Die Betrachtung stützt sich auf drei monografische Positionen von Paul Graham (GB *1956), Elisabeth Neudörfl (D *1968) und Heiner Schilling (D *1969). Die Sichtweisen dieser Arbeiten werden auf Grund der vorhergehenden Untersuchung der Themenfelder Fremdheit, Europäisches Japanbild und Dokumentarfotografie erörtert und in einer Tradition der fotografischen Produktion kontextualisiert. Die dabei leitenden Fragestellungen sind auf Grund des Umstands, dass fotografische Repräsentationen wesentlich unseren Alltag prägen und somit ein zentrales Element unserer Weltwahrnehmung darstellen, von äußerster gesellschaftlicher Relevanz: Welche Bedeutung haben Kategorien des Fremden und des Eigenen in einer zunehmend globalisierten, bildnerisch hinreichend repräsentierten Welt? Welche Möglichkeiten gibt es, sich fotografisch dem Fremden zu nähern und wie prägt sich das in der künstlerischen Dokumentarfotografie aus? Wie unterscheiden sich solche Japanbilder von gängigen Japanvorstellungen und Klischees? Welchen Beitrag kann Fotografie zum Verständnis fremder Kulturen leisten?




Stipendien (Auswahl):
2003 Fulbright-Stipendium für ein Visual Culture Tertiary, Amherst College, USA
2005/06 Landesgraduiertenstipendium Baden-Württemberg
04-06/2006 Stipendiatin am Deutschen Institut für Japanstudien, Tokyo




Websites:
http://www.archivalien.de
http://www.bildangelegenheiten.de