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Deutsches Institut für Japanstudien

Maria Mengel

Japanologie/Musikwissenschaft/Romanische Philologie (Französisch)
Seit März 2006
(Stipendiaten, 1. März 2006 - 30. September 2006)



  • Kultur als erkenntnistheoretischer Begriff
  • Cultural Studies jenseits der „Afterology“
  • Gender Studies im trans-/interkulturellen Dialog
  • Anwendung westlicher Theorien auf japanische Phänomene

Dissertation

Die heiter-vergängliche Welt der japanischen Liebe am Beispiel der Animes (Arbeitstitel)

Nach einer ersten Bestätigung für die Wichtigkeit der Liebe als Impetus gesellschaftlicher Inszenierungen und historischer Praktiken, als Basis zwischenmenschlicher Beziehungen und zugleich wissenschaftlicher Visionen während der Untersuchung des Takarazuka Revue-Phänomens im Rahmen meiner Magisterarbeit nahm während zahlreicher Gespräche mit Japanerinnen und Japanern in Deutschland sowie in Japan die Idee Gestalt an, dass die Liebe der Tenor von unterschiedlichsten Animes wie Ōtomo Katsuhiros Akira (1988), Takahata Isaos Hotaru no haka (Das Grab der Glühwürmchen, 1988) oder Watsuki Nobuhiros Rurōni Kenshin (Himura Kenshin – Der wandernde Samurai, 1996) ist. Könnten also die verschiedenen Formen der Liebe – Liebeshoffnung, Liebestraum, Liebeserfüllung, Liebesangst, Liebesverbot, Liebesverzweiflung, Liebesverneinung – den Menschen als einen homo amans definieren und das kartesische, von Vernunft bestimmte Diktat in eine Definition der Liebe verwandeln: Amo, ergo sum?
Als konkretes Beispiel meiner Untersuchung der Liebe dient die Welt des japanischen Anime, eine Ausdrucksform des postnostalgischen Menschen, so wie ihn Appadurai 1996 definiert: ein in einer postideologischen Welt sich verlaufender, von Missgefühlen sowie Erschöpfung überfallener und an seine Grenzen stoßender Akteur. Denn vom ironischen, eklektischen Zynismus von Kon Satoshi (Pāfekuto BurūDas perfekte Blau, 1997; Tōkyō GoddofāzāzuDie Tōkyōter Paten, 2003) bis zum warmen, hoffnungsvollen Humanismus von Miyazaki Hayao (Mononoke himePrinzessin Mononoke, 1997; Sen to Chihiro no kamikakushiChihiros Reise ins Zauberland, 2001) erlebt man die postmoderne Diskussion fragmentierter Identitäten und die dadurch notwendige Umschreibung der historischen Ereignisse. In der so genannten Auflösung der großen Erzählungen wird einerseits das Verschwinden des sozialen, lange Zeit als vertraut empfundenen Bandes erlebt. Andererseits lässt sich darin der Übergang der sozialen Gemeinschaften aus dem seit der Meiji-Zeit als natürlich konstruierten, homogenen und übersichtlichen Gesellschaftszustand zur Form einer aus individuellen Atomen bestehenden Masse beobachten. In der verwirrten Schweigsamkeit der anonymen Massen werden das Entstehen kollektiv regulierender Simulationen und kulturell bedingter gelangweilter Basteleien sowie die Atomisierung des Sozialen in flexible Netzwerke von Sprachspielen rekonstruiert und künstlerisch umgesetzt. Dementsprechend bedeutet die nachträgliche verbalisierende Nachahmung der Wirklichkeit das Hinterfragen des Primats des Subjekts durch die Notwendigkeit eines Objekts. Durch die postmoderne Inszenierung und Simulation der Identität mittels gemeinschaftlich verständlicher Spiele werden die Identitätsgrenzen diffus, sie lösen sich in Identitätsübergangszonen auf. Infolge dieses Prozesses hat man es nur mit flüssigen Identitätsübergängen sowie mit Identitätszentren zu tun, die entweder als Idealisierungen und Stilisierungen (Nihonjinron) oder als Projektionen (Orientalismus) fungieren. Denn hinter dem ambivalenten, gepflegt westlichen Aussehen der Anime-Figuren versteckt sich eine ‚japanische Seele‘, die sich entsprechend dem Slogan wakon yōsai (japanischer Geist, westliches Wissen) der späten Meiji-Zeit verhält: Einerseits speist sie sich vom Traum nach einer einzigartigen, ursprünglichen, homogenen Identität und andererseits findet sie ihre Wurzeln in der Illusion einer mehrdeutigen, synthetischen Identität. Die tief gehende Analyse dieser Dialektik wird durch die nähere, kulturwissenschaftliche Untersuchung der Spiele und Sehnsüchte ermöglicht, die die japanische Welt ausmachen. Denn am Ende von Andersons „imagined communities“ und im Licht von Hobsbawms‘ „invented traditions“ entfalten sich durch die faszinierende Anime-Welt unbekannte oder bisher ignorierte, unter Klischees begrabene Seiten der „japanischen Seele“: Hinter den von der Gesellschaft aufgezwungenen Pflichten, Einschränkungen und Verantwortungen sehnt sich jeder Salary-man und jede Office Lady, jeder seinem Unternehmen getreue Angestellte, jede in den Hinterhof des Alltags verbannte Hausfrau sowie jeder für Prüfungen büffelnde Oberschüler nach etwas wesentlich Schönerem und Tieferem. Es ist nur menschlich, dass im Laufe der Jahre solche schönen und tiefen Sehnsüchte verloren gehen und hinter ernüchternden Erfahrungen unwiderruflich verschwinden. Selbst wenn es schwer ist, das Heilige und Ewige des Menschen am Leben zu halten, selbst wenn es wesentlich einfacher ist, das Wertvolle und Gute zu vergessen und den Kampf aufzugeben, erinnern sogar die einfachsten Anime-Filme und -Serien durch ihre Handlungen und Figuren daran, dass Träume und Ideale schön und notwendig sind, dass die Menschen gut und liebeswürdig sind, dass es letztendlich noch Hoffnung auf Rettung dieser Welt gibt. Und im Namen dieser Hoffnung lohnt es sich zu träumen, zu kämpfen, zu lachen, zu weinen, zu lieben – schließlich zu leben.
Ausgehend von der Hypothese, dass das Subjekt in der Liebe am Gipfel seines Daseins ist, wird in dieser Arbeit die Präsenz der Liebe im Anime analysiert: Die daraus resultierenden Aussagen über die japanische Identität als Spiel im Sinne Wittgensteins werden durch das Prisma des ludischen Umgehens mit dem Eigenen und dem Anderen verdeutlicht und kritisch nuanciert. Durch das Miteinbeziehen zweier Sekundärprodukte – Liebe und Anime – in einer Welt, deren Energien und Bedeutungen sich aus dem Bewirtschaften primärer Produkte speisen, wird ausdrücklich auf die bisher ignorierten Zusammenhänge des Alltags hingewiesen, die durch grundlegende Beziehungen zwischen Produktion und Konsum im spätkapitalistischen Japan bestimmt werden. Daraus resultiert eine Form der Identität, die ihre Logik und Argumentation aus den Zwängen, Illusionen, Idealen und Sehnsüchten der postnostalgischen japanischen Gesellschaft extrahiert. Diese ihrerseits integriert sich durch ihr Funktionieren in eine postideologische Welt, die den einzelnen Identitäten nur die Möglichkeit bietet, als, bildhaft ausgedrückt, wechselseitige spiralartige Kontinuumsstrukturen zu existieren und zu interagieren. Die scheinbare Zirkularität dieser Aussage setzt sich aus den mehrdeutigen Verhältnissen zusammen, die Gemeinschaft, Geschichte, Wissenschaft, Nostalgie und Hoffnung konfigurieren.
Das durch das symbolische Prisma der Liebe betrachtete Konzept der Identität präsentiert sich als epistemologisches Kontinuum: Die inneren Strukturen der Identitäten und deren äußere Abgrenzungen voneinander ergeben sich dadurch, dass demographische Akteure nicht durch binäre, normativ definierte Signifikat/Signifikant-Systeme eingeschränkt werden, die sich durch den Ausschluss abweichender Identitätsparameter oder -elemente konstituieren. Vielmehr integrieren sich diese demographischen Akteure in eine Art identitätsstiftenden Spiels, das ihnen die Möglichkeit der Auswahl, des Wechsels und der (Selbst-)Reflektion bietet.