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Deutsches Institut für Japanstudien
Matthias Urs Zachmann

Matthias Urs Zachmann

Matthias Urs Zachmann
Japanologie, Sinologie
Seit November 2002
(Stipendiaten, 1. November 2002 - 15. Dezember 2003)

Dissertationsthema: „China in der kulturellen Selbstdefinition Japans,
1895-1904“

Obwohl Japan in der Mitte des 19. Jahrhunderts wider Willen sich den
westlichen Großmächten gegenüber öffnete und in
den Wandel der Weltpolitik hineingerissen wurde, blieb es in Asien
weiter politisch isoliert. Die Öffnung veränderte das
Verständnis von der eigenen Position in Asien grundlegend. Neben
das ehemals große Vorbild Chinas trat nun der
übermächtige Westen und zwang Japan, sich dessen Zivilisation
anzueignen, um in der Weltpolitik bestehen zu können. Japans
Verständnis war daher von einer heiklen Ambivalenz geprägt,
die das Land dauerhaft in Asien isolierte: Einerseits verfolgte Japan
zunächst eine rücksichtslose Modernisierungspolitik, die das
Land als einziges in Asien zur Gleichberechtigung mit den westlichen
Großmächte führen sollte. Andererseits versuchten die
Regierung und Teile der Gesellschaft die unerwünschten Folgen der
Verwestlichung durch einen traditionalistischen Wertekanon
einzudämmen, der später in einen immer aggressiveren
Nationalismus führte. Dieser Nationalismus rechtfertigte
schließlich die Bildung einer „Wohlstandssphäre“ in Asien
unter japanischer Führung. Die Niederlage Japans und der „Kalte
Krieg“ isolierten Japan in Asien wieder als Außenposten der
„freien Welt“.
Das japanische Selbstverständnis, dem Westen anzugehören, ist
seitdem unbestritten, auch wenn sich zuweilen Stimmen nach mehr
Unabhängigkeit regten. Die Auflösung der bipolaren
Weltordnung zwingt jedoch alle Staaten, ihre Position neu zu bestimmen.
Dies würde auch Japan die Möglichkeit geben, sich noch einmal
die Frage ,„Japan und Asien“ oder „Japan in Asien“?’ („Nihon to Ajia“
ka „Nihon no Ajia“ ka) zu stellen und die historisch gewachsene
Isolation in Asien zu überwinden. Die Frage betrifft jedoch nicht
nur Japan, sondern die Stabilität der gesamten Region, und ihre
Beantwortung drängt.
Beobachter der sicherheitspolitischen Entwicklungen in Ostasien gehen
davon aus, daß das Verhältnis zwischen Japan und China der
zentrale und entscheidende Faktor für die Stabilität der
Region im beginnenden 21. Jahrhundert sein wird. Dieses Verhältnis
wird jedoch seit langem von einem tiefen, gegenseitigen Mißtrauen
dominiert, hinter dem alle anderen, auch integrativen Faktoren, wie
z.B. die engen wirtschaftlichen Beziehungen, zurücktreten
müssen. Erzeugt und genährt wird das Mißtrauen
insbesondere durch die beständige Vergegenwärtigung
vergangener Konflikte.
In dem Streit um die Konflikte der Vergangenheit gehen China und Japan
von der folgenden Grundannahme aus: Der Ursprung und Ausgangspunkt
ihrer Konflikte ist in dem Chinesisch-Japanischen Krieg von 1894/1895
zu sehen. Seitdem, so die Überzeugung, stehen sich die Parteien
unversöhnlich gegenüber, und unüberwindbare
Gegensätze hindern beide an der gegenseitigen Annäherung. Der
erste Chinesisch-Japanische Krieg führte geradewegs in den zweiten
Chinesisch-Japanischen Kriegs 1937-1945, in dem mit brutaler Gewalt das
zum Ausbruch kam, was bereits seit dem ersten Chinesisch-Japanischen
Krieg der Möglichkeit nach vorhanden war.
Jenseits des ersten Krieges ragt jedoch ein Bild Chinas hervor, das in
keiner Beziehung zu dem späteren Konflikt steht, das Bild des
ehemaligen großen kulturellen Vorbildes, welches man in
respektvoller Distanz nachzuahmen pflegte, später romatisch
verklärte und schließlich, in der frühen Meiji-Zeit,
auch zum Teil mit einer gewissen Geringschätzung und Ablehnung
betrachtete. Eine solch negative Kraft, wie sie das Bild nach dem Krieg
von 1894/95 ausstrahlt, findet sich in dem ersteren jedoch auch
unmittelbar vor dem Krieg nicht. So muß man die Erklärung
akzeptieren, daß der erste Sino-Japanische Krieg, der nur acht
Monate dauerte, ein Bild spurlos auslöschte, welches sich in einem
Zeitraum von mehr als tausend Jahren entwickelt hatte, und durch ein
vollkommen neues ersetzte, das seitdem China und Japan trennt.
Diese Grundannahme erscheint unglaubwürdig, sowohl aus der
Kenntnis, wie Nationen sich bilden und ihre Identität ausformen,
als auch aus der geschichtlichen Herleitung des Verhältnisses
zwischen China und Japan. Vielmehr ist zu vermuten, daß der Sieg
im Chinesisch-Japanischen Krieg 1894/95 auf beide Seiten wie ein
„Schock“ wirkte, der nur graduell verarbeitet werden konnte, und
daß noch während dieses Prozesses alte und neue
Vorstellungen miteinander konkurrierten und durch nachfolgende
Ereignisse beeinflußt wurden. Dabei bestimmten der Krieg und die
nachfolgenden Ereignisse nicht nur das Verhältnis Japans zu China,
sondern vor allem auch zu den westlichen Großmächten und
damit insgesamt die kulturelle Selbstdefinition Japans in diesen
Jahren. Die Dekade zwischen 1895 und 1904 war in dieser Hinscht
prägend: Japan entwickelte sich in seinem Selbstverständnis
von einer kleinen Regionalmacht im Schatten der Westmächte zu der
einzigen Großmacht in Asien, die einer westlichen im Krieg
entgegentreten konnte. Es ist daher zu vermuten, daß die
kulturelle Selbstdefinition und damit auch das Chinabild Japans bis zum
Russisch-Japanischen Krieg 1904/1905 diesen Wandel mitvollzogen haben
und zu einem gewissen Abschluß gekommen sind. Der harte „Schnitt“
in der heutigen Vorstellung von dem Verhältnis zwischen China und
Japan vor und nach 1894/95 wäre dann zu erklären aus einer
(für die Identitätsbildung von Nationen nicht
ungewöhnlichen) Rückprojektion eines erst später
entwickelten Bildes, d.h. der „Erfindung einer Tradition“. Ob diese
retroaktive Ausbildung schon das Ergebnis der Entwicklung bis 1904 oder
eine noch spätere Entwicklung darstellt, kann erst am Ende der
vorzunehmenden Untersuchung geklärt werden.