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Deutsches Institut für Japanstudien

Mira Sonntag

Japanologie, Religionswissenschaft
Seit Juli 2003
(Stipendiaten, 7. Juli 2003 - 31. März 2004)


  • Japanisches Christentum im 20. Jahrhundert
  • Interaktion von Christentum und Gesellschaft in Japan
  • Rationalismus und Erlösung in der Taishō-Zeit

Die zentrale These meiner Dissertation mit dem Titel „Rationalismus und Erlösung im Japan der Taishō-Zeit. Eine dichte Beschreibung der Wiederkunftsbewegung von 1918/19“ läßt sich wie folgt zusammenfassen:
Seit seiner Wiedereinführung in der Meiji-Zeit (1868–1912) betrachtete man das Christentum in Japan als eine ihrem Wesen nach rationale Religion und als Mittel zu dem, was ihre Förderer damals „Zivilisation“ nannten. Mit der Zeit verlor jedoch das Christentum seinen Status als unentbehrlicher Bestandteil von „Zivilisation“, während die Bedeutung von Rationalität ständig zunahm.
In Reaktion auf diese verstärkte Betonung von Rationalität entstanden in den 1910er Jahren verschiedene alternative Bewegungen auf der Suche nach spirituelleren Lebensweisen. Diese alternativen Bewegungen bewegten sich nicht einfach am Rande der japanischen Gesellschaft, sondern standen vielmehr in direktem Kontrast und offenem Konflikt zu ihr. Die Wiederkunftsbewegung von 1918/19 war eine davon.
Ins Leben gerufen wurde sie von drei japanischen Christen, Uchimura Kanzō (1861–1930), Nakada Jūji (1870–1939) und Kimura Seimatsu (1874–1958). Der bedeutendste unter ihnen und das angebliche Haupt der Bewegung war Uchimura Kanzō. Aufgrund seiner zentralen Rolle sind Studien zur Wiederkunftsbewegung bisher fast ausschließlich von Uchimura-Forschern betrieben worden. Allerdings unterscheiden sich Uchimuras Aktivitäten in dieser Phase grundlegend von seinem sonstigen Lebenswerk, weshalb diese Studien sich auf die Unterschiede und nicht die versteckten Kontinuitäten konzentrieren und mitunter gar mit dem Verweis darauf, daß Uchimura sich ja selbst später von seinen Aktivitäten während der Wiederkunftsbewegung distanziert habe, den scheinbaren Kontrast wegzuerklären versuchen.
Meine Arbeit nimmt einen anderen Zugang zu Uchimuras Aktivitäten in dieser Zeit und wird dabei vor allem die folgenden drei Dinge beweisen:
Zunächst geht es in Gegenüberstellung und Verbindung der Wiederkunftsbewegung mit anderen zeitgenössischen, spirituellen Bewegungen darum zu zeigen, daß die Wiederkunftsbewegung, wenngleich eine Bewegung in der empirischen Peripherie, tatsächlich doch eine zentrale Rolle im intellektuellen Klima der Zeit spielt. Zweitens wird die Arbeit darlegen, daß Uchimuras Aktivitäten und Ansichten um 1918/19 nicht nur durchaus konsistent mit denen der vorhergehenden und nachfolgenden Zeit sind, sondern daß sie vielmehr der Dreh- und Angelpunkt sind, von dem aus wir sein gesamtes Leben und Werk verstehen müssen. Der dritte Punkt befaßt sich mit der interaktiven Natur einer jeden beliebigen Bewegung: Wie zentral Uchimuras Rolle in der Wiederkunftsbewegung auch immer gewesen sein mag, er war dabei dennoch auf die Kooperation der anderen Vortragenden, die Aufmerksamkeit seiner Zuhörerschaft, die Berichterstattung der Medien und nicht zuletzt auf die Bereitschaft seiner Gegner, mit ihm in den Disput zu treten, angewiesen. Unter Verwendung von Sprechaktanalyse (im weiteren Sinne: Diskursanalyse) beschreibe ich die Wiederkunftsbewegung als interaktives Unterfangen und als entfesselten Diskurs zum Thema der Erlösung. Dieser Ansatz wird die Bedingungen für Uchimuras zentrale Rolle in der Bewegung näher beleuchten.
Während die ersten beiden Punkte in Reaktion auf bisherige Studien zur Wiederkunftsbewegung artikuliert werden, handelt es sich beim dritten um einen neuen Ansatz, insbesondere im japanischen Kontext. Bezugnehmend auf Hans G. Kippenbergs Vorschlag, Sprechakt- und Diskurstheorie zur Begründung einer neuen Art von Religionswissenschaft, „die weder auf einer allgemein gültigen Definition von Religion noch auf einer Überlegenheit von Wissenschaft basiert“ (siehe Forum Religionswissenschaft Bd. 4, 1983) verwendet die vorliegende Arbeit seinen Ansatz zum besseren Verständnis der Wiederkunftsbewegung sowohl im Kontext der japanischen Gesellschaft als auch im Kontext von Uchimuras Lebenswerk. Diesem Ansatz zufolge ist es wichtig, nicht nur nach dem Aussagegehalt einer Äußerung wie „Ich sage dir, der Herr Christus kommt!“, sondern auch nach der (illokutionären) Rolle zu fragen, die diese Äußerung gespielt hat. Es ist nicht nur die Frage, auf welchem Wege Uchimura zum Wiederkunftsglauben kam, welche Worte er nutzte, um ihm Ausdruck zu verleihen und wie nah seine Interpretation der orthodoxesten Definition des Dogmas ist, sondern auch und vor allem, warum er überhaupt darüber sprach und den Wiederkunftsglauben zum öffentlichen Thema machte.
Wie Kippenberg andeutet, dient die Ankündigung apokalyptischer Rhetorik oft der Aufkündigung bisheriger Loyalitäten. Es war keinesfalls das Dogma der Wiederkunft Christi, das die starke Opposition führender Kirchenpersönlichkeiten provozierte und ebenso freundliche Sympathie von Gläubigen christlicher und anderer Religionen sowie von den öffentlichen Medien gewann. Mit seiner Ankündigung kündigte Uchimura seine Loyalität zur Rationalität als höchstem Wert im Leben des Menschen auf.
Im ersten Vortrag der Veranstaltungsreihe erklärt Uchimura seinen Ansatz, wissenschaftliches Denken (Evolutionismus) und christlichen Glauben in Harmonie bringen zu wollen, für falsch und besteht darauf, daß weder evolutionistischer Fortschritt noch institutionalisierter christlicher Glaube die Welt retten und wirklichen Frieden garantieren können. Darüber hinaus verneint er sein bisheriges Verantwortungsgefühl in bezug auf die Verbesserung der Welt, indem er erklärt: „Das war überhaupt nicht meine Aufgabe!“ Uchimuras kirchenkritische Haltung war seit Jahrzehnten bekannt, und der Kernpunkt seiner Kritik, daß es der Kirche an spiritueller Kraft fehle, den Gläubigen Erlösung zu bringen, war immer noch derselbe. Aber nun stellte er erstmals eine Verbindung zwischen der christlichen Kirche und dem Evolutionsdenken her. Damit stellte er die Gesellschaft ebenso wie die Kirche mit einer Kritik am ihnen zugrundeliegenden Rationalismus in Frage. Führende Kirchenvertreter antworteten unverzüglich mit dem Vorwurf der Irrationalität und Verantwortungslosigkeit, womit sie Rationalität als ihren Grundwert erneut bestätigten.
Uchimuras Deklaration gegen Rationalismus hatte auch die Funktion eines Aufrufs an seine enorme Hörerschaft (max. 1200), es ihm gleichzutun und ebenfalls dem Prinzip der Rationalität als wichtigster Triebkraft des menschlichen Lebens die Loyalität zu kündigen. Auch aus diesem Grunde sahen sich führende Kirchenvertreter geradezu gezwungen zu reagieren.
Mit charismatischer Rhetorik einen Punkt im gemeinsamen Bewußtsein berührend, gab Uchimura so das Startsignal zu einem breiten Diskurs über theologische Fragen in ihrer Anwendung ebenso wie über allgemeine Werte wie Demokratie und allgemeine Vorstellungen wie die vom „religiösen Menschen“. Unter Zuhilfenahme von Sprechaktanalysen der Vorträge, Artikel, Bücher und Memoiren, die mit der Bewegung in Zusammenhang stehen, wird meine Arbeit einerseits zeigen, was genau der Bewegung ihre Explosivität gab, und andererseits den Strom der Argumente und ihrer Bedeutung im weiteren historischen Kontext beleuchten. Dabei wird sie dem üblichen Stereotyp von den Japanern als einem Volk, das nicht diskutieren oder disputieren kann, begegnen und dagegen Einspruch erheben. Sie wird aber auch notwendige Bedingungen für die Enstehung eines Diskurses benennen, und zu diesen gehört ganz eindeutig die Akzeptanz der Existenz von Konflikt.