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Deutsches Institut für Japanstudien

Sabine Hänsgen

Japanologie, Bibliothekswissenschaft
Seit Mai 2006
(Stipendiaten, 1. Mai 2006 - 28. Februar 2007)

Arbeitstitel des Dissertationsprojektes:
„Zeitzeugnisse der Bakumatsu-Zeit (1853-1868). Kawaraban aus Edo“


In einer Zeit rasanter medialer Entwicklungen, in der Begriffe wie Informations- und Kommunikationsgesellschaft gemeinhin Ausdrücke des Selbstverständnisses fortschrittlicher Nationen sind, gewinnt auch die Beschäftigung mit Mediengeschichte vermehrt an Bedeutung. Gerade über die Geschichte der Medien in Japan, dessen hohe Informations- und Kommunikationskompetenz heute international anerkannt ist, herrscht im Ausland, abgesehen von Studien zur Entwicklung moderner Zeitungen, bislang nur wenig Kenntnis. Die geplante Untersuchung soll vor diesem Hintergrund bewusst machen, dass Japan bereits vor seiner Modernisierung im westlichen Stil über kommerzielle Nachrichtenquellen verfügte, die auf ein breites Publikum abzielten und somit Massenmedium waren.


Kawaraban, wörtlich „Ziegeldrucke“, fungierten vom Ende des 17. Jahrhunderts an etwa 180 Jahre lang als (illegale) Nachrichtenblätter des Volkes in ganz Japan, bis sie infolge des Erscheinens attraktiverer Medien während der Meiji-Zeit an Bedeutung verloren. Aufgrund ihres kommerziellen Charakters können sie als ein Vorläufer der Zeitung in Japan gelten, auch wenn die Definition einer Zeitung im modernen Sinne kawaraban aufgrund ihrer Typizität als solche ausschließt.


Was kawaraban heute so anziehend für uns macht, ist, dass sie uns neben der vordergründig in ihnen enthaltenen Information reichlich Einblicke in Denkweisen, Sitten und Bräuche des Volkes der damaligen Zeit gewähren, weshalb, so darf man sagen, sie von unschätzbarem Wert für die kulturhistorische Forschung sind. Nicht nur, dass sie uns Rückblicke in eine vergangene Kultur erlauben, die Beschäftigung mit ihnen vermag es, im Gegensatz zur zeitgenössischen Literatur, intime Begegnungen mit den damaligen Zuständen zu schaffen, da sie Zeugnisse einer unmittelbaren Reaktion auf irgendein Ereignis und daher „echt“ sind.


Die geplante Arbeit sieht vor, sich auf kawaraban zu konzentrieren, die während der Bakumatsu-Zeit in Edo erschienen. Diese Beschränkung erfolgte einerseits vor dem Hintergrund, die Fülle des Materials einzugrenzen und somit einen möglichst intensiven Diskurs zu ermöglichen. Zudem sind gerade aus diesem Zeitraum inhaltlich interessante Drucke überliefert, die, verglichen mit älteren Exemplaren, zumal von augenscheinlich besserer Qualität sind. Weiterhin spricht für die zeitliche Eingrenzung die Tatsache, dass es sich bei der Bakumatsu-Zeit um eine innen- und außenpolitisch höchst brisante Ära handelt. Unruhen, Hungersnöte, Epidemien, Naturkatastrophen und nicht zuletzt der erneute Kontakt mit Vertretern des Auslands boten reichlich Stoff für Nachrichten und Satire.

Hinter dem Medium kawaraban verbirgt sich ein breites Spektrum an Flugblättern, das sowohl thematisch als auch gestalterisch sehr unterschiedlich geartet sein kann. Vor dem Hintergrund dieses Variantenreichtums sollen zwecks der mediengeschichtlichen Einordnung der Blätter u.a. folgende Fragestellungen erörtert werden:


  • Begriffsdefinition (bisher gibt es sehr unterschiedliche Ansätze)
  • Welche Themen wurden kommerzialisiert?
  • Wie wurden diese aufbereitet? (sowohl in gestalterischer als auch in inhaltlicher Hinsicht)
  • Wie korrelierte ihr Inhalt mit ihrer textlichen und graphischen Gestaltung?
  • Gibt es schematisierte Darstellungen, wenn ja, welcher Art sind diese?
  • Welche Symbolik wird verwendet? (Anspielungen auf Aussprüche, Gedichte, Holzschnitte, Werbeblätter) Wie, wo und durch wen fanden Herstellung und Vertrieb statt? (Die Praktiken der yomiuri, Vorleseverkäufer, sind gut bekannt, genauer zu untersuchen wären noch die Rollen der ezōshiya, Bildheftchenläden, und der kashihon’ya, Leihbuchhändler.)
  • Welche Rolle spielte der multimediale Charakter beim Prozess der Informationsvermittlung? (Kawaraban lebten in der Regel aus der Kombination von Text, Bild und Vertonung.)
  • Woher stammten die verwerteten Informationen?
  • Wer konsumierte kawaraban?
  • Welchen Verbreitungsgrad erreichten kawaraban aus Edo? (Sowohl räumlich, als auch innerhalb der Bevölkerungsschichten)
  • Welche Funktionen erfüllten kawaraban neben ihrer Rolle als Nachrichtenmedium
  • Wie wirkten sich Zensurmaßnahmen aus?