Deutsches Institut für Japanstudien nav lang search
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Deutsches Institut für Japanstudien
Shu-Hui Lin

Shu-Hui Lin

Shu-Hui Lin
Rechtswissenschaften, Kunstgeschichte
Seit September 2018
(Stipendiaten, 1. September 2018 - 28. Februar 2019)

lin@dijtokyo.org

Pflichten und Haftung des Kunstexperten im deutschen und japanischen Recht

Laut dem Finanzministerium Taiwans ist, im Falle, dass der Verkäufer kein ausreichendes Dokument zum Nachweis des Transaktionsgewinns und des Verlustes des Auktionsergebnisses vorlegen kann, wurde die geschätzte Rendite bei Kunstauktionen seit Januar 2016 von 9-15% auf 6% gesenkt. Somit liegt der Gesamtsteuersatz für Kunstauktionen in einer Bandbreite von 0,3 – 0,7%. Durch eine solche erhebliche Steuersenkung wird erwartet, dass internationale Kunstsammler dazu angeregt werden, ihre Gebote in Taiwan abzugeben, und der dortige Kunstauktionsmarkt dadurch wieder florieren wird. Zur Stärkung des Kunsthandelsstandorts Taiwan sind inzwischen auch Kunstwissenschaftler und -praktiker in der Kunstbranche bestrebt, sowohl ein nationales System als auch Vorschriften für die Kunstauthentifizierung einzuführen. Vor diesem Hintergrund besteht das Hauptziel dieser Arbeit darin, die möglichen Pflichten und Haftung von Kunstexperten bei der Durchführung von Kunstauthentifizierungen zu beleuchten. Da das taiwanesische Zivilrecht auf der Rechtsrezeption des deutschen und japanischen Rechts beruht, sollten das deutsche und japanische Rechtssystem als Grundlagen berücksichtigt werden, um die taiwanische Rechtsordnung auszubilden. Dieses Dissertationsprojekt verwendet die funktionale Methode der Rechtsvergleichung, um sowohl die wissenschaftliche Literatur als auch die Rechtsprechungen der beiden Länder zu untersuchen.

In der Praxis wird die Haftung des Verkäufers häufig ausgeschlossen oder beschränkt, sodass ein Rücktritt vom Kaufvertrag nicht immer möglich ist. Daraus stellt sich die Frage, ob, und wenn ja, auf welcher Grundlage der Kunstexperte gegenüber dem Käufer haftet, welcher mit dem Experten keinen Vertrag abgeschlossen hat, aber im Vertrauen aufgrund einer fehlhaften Expertise eine Fälschung als ein Original erwirbt. Fraglich ist auch, ob die Haftung des Kunstexperten gegenüber Dritten begrenzt bzw. ausgeschlossen werden kann. Während der BGH den Vertrag mit Schutzwirkung zugunsten Dritter als Expertenhaftungsgrundlage entschied, ist die von Kurt Ballerstedt und Claus-Wilhelm Canaris geprägte Theorie der Vertrauenshaftung, die durch die Schuldrechtsmodernisierung 2002 in §311 Abs. 3 BGB eingeführt wurde, die herrschende Ansicht für die Lösung der Dritthaftungsproblematik. Nach dieser Regelung erstreckt sich die Haftung für vorvertragliche Pflichtverletzungen auf Dritte, also auf Kunstexperten. Anders als in Deutschland wurde die Haftung von Kunstexperten in Japan noch kaum diskutiert. In anderen Fällen wurde die Dritthaftung bei vorvertraglicher Pflichtverletzungen in der Rechtsprechung und im Schrifttum überwiegend mit dem Prinzip von Treu und Glauben behandelt. In Japan ist eine Dritthaftung für vorvertragliche Pflichtverletzungen gesetzlich nicht vorgeschrieben, selbst wenn die Theorie culpa in contrahendo seit Jahrzehnten in der japanischen Rechtslehre zu finden ist. In der Diskussion der japanischen Schuldrechtsreform 2017 wurde §311 BGB zwar als das rechtsvergleichende Beispiel genannt, die Regelungsvorschläge diesbezüglich sind aber in dem Reformentwurf nicht zu sehen.

Neben den vorvertraglichen Pflichten werden in dieser Arbeit die Haftung von Kunstexperten bei der Durchführung eines Kunstauthentifizierungsvertrages sowie ihre nachvertraglichen Pflichten untersucht. Dieses Dissertationsprojekt versucht, die Pflichten und Haftung von Kunstexperten in jeder Phase der Kunstauthentifizierung zu beleuchten, indem es deutsche Gesetze und japanische Gesetze gründlich vergleicht, in der Hoffnung, Vorschläge und Informationen für künftige Fortentwicklungen des taiwanischen Rechts zu liefern.