Deutsches Institut für Japanstudien nav lang search
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Deutsches Institut für Japanstudien
Viktoria Heindorf

Viktoria Heindorf

Viktoria Heindorf
Wirtschaftswissenschaften
Seit April 2004
(Stipendiaten, 1. April 2004 - 31. Mai 2004)


  • Komparative Forschung, insbesondere Deutschland-Japan-Vergleiche
  • Arbeitsmarktökonomie Wandel des japanischen und deutschen Qualifizierungs- und
  • Human Ressource Managementsystems

Dissertationsprojekt

„Performance von Qualifizierungssystemen in Phasen raschen technologischen und strukturellen Wandels. Die Herausforderungen der zweiten IT-Revolution und ihre Bewältigung in Japan und Deutschland“


Die IT-Revolution setzt Industrieländer wie Japan und Deutschland einem erheblichen strukturellen Anpassungsdruck aus. Die Bereiche der IT-Produktion und -Anwendung zählen zu den wertschöpfungsintensiven Wachstumsfeldern, deren rasche Erschließung Voraus-setzung für Beschäftigungssicherung und Einkommenswachstum ist. Inwieweit Volkswirt-schaften hierbei erfolgreich sind, hängt entscheidend von ihrer Fähigkeit ab, die für das Wachstum der genannten Branchen erforderlichen Arbeitskräfte zu mobilisieren. Eine solche Mobilisierung bedarf erheblicher Anstrengungen auf dem Gebiet der Qualifizierung. Die Produktion von IT-Hardware und Software, deren Anwendung sowie IT-basierte Dienst-leistungen erfordern Qualifikationen, die neu sind oder zumindest in dem Umfang, in dem sie benötigt werden, bislang nicht verfügbar sind. Länder, die hier rasch Abhilfe schaffen können, werden die Chancen der IT-Revolution besser ausschöpfen können als Latecomer. Die Diskussion um die Green Card in Deutschland zeigt deutlich die Aktualität, aber auch die Brisanz der Aufgabenstellung.


Japan und Deutschland verfügen über sehr unterschiedliche Systeme der Qualifizierung. Deutschland hat traditionell auf ein öffentliches System gesetzt, das sich an Berufsbildern bzw. an der Herausbildung unternehmensunspezifischer Eignungsprofile orientiert. Dies gilt nicht nur für das sogenannte duale System der Berufsausbildung, sondern auch für die Fachhochschul- und Universitätsausbildung. Ausbildung und Qualifizierung sind dabei hoch reguliert. In Japan stellt sich die Situation anders dar. Die fachliche Qualifizierung ist weniger formalisiert und wird in viel stärkerem Maße der Verantwortung der Unternehmen übertragen. Diese bilden ihre Mitarbeiter den eigenen Möglichkeiten und Bedarfen entsprechend aus. Die resultierenden Qualifikationen sind stärker unternehmensspezifisch, was sich auch im Selbstverständnis der so Ausgebildeten niederschlägt, die sich als Erwerbstätige weniger durch ihre fachliche Qualifikation, sondern durch ihre Zugehörigkeit zu einem bestimmten Unternehmen definieren.


Hieraus leiten sich für die Forschung folgende zentrale Fragen ab, die im Rahmen des Dissertationsprojektes beantwortet werden sollen: Wie bewältigen die unterschiedlichen Qualifizierungssysteme die Herausforderungen der IT-Revolution? Wie gelingt ihnen die Qualifizierung? Führen die unterschiedlichen Ausprägungen der historisch gewachsenen nationalen Qualifizierungssysteme zu unterschiedlichen Strategien? Oder erzwingt die Natur der in den IT-Produktions- und Anwendungsbereichen erforderlichen Qualifikationen gleichgerichtete Strategien? Sind die beiden Länder unterschiedlich erfolgreich oder haben die unterschiedlichen Ausgangsbedingungen bzw. die gegebenenfalls unterschiedlichen Qualifizierungsstrategien keinen Einfluss auf die Performance? Möglicherweise ergibt sich, dass bei allen institutionellen und strukturellen Unterschieden beide Systeme die Aufgaben, die durch die IT-Revolution gestellt werden, mit ähnlichen Reaktionsmustern und Lösungsstrategien angehen, weil sowohl in Japan als auch in Deutschland die tradierten Institutionen keine befriedigenden Lösungen bieten und die Unternehmen gezwungen sind, außerhalb des Gewohnten neue Pfade zu beschreiten.


Ein Vergleich zwischen Deutschland und Japan ist nicht nur aufgrund der Unterschiede in den Qualifizierungssystemen interessant. Er gewinnt durch die Tatsache, dass beide Volkswirtschaften den Herausforderungen der IT-Revolution im Kontext einer rasch alternden Bevölkerung begegnen müssen, zusätzlich an Bedeutung. Die Fähigkeit einer Volkswirtschaft zur Veränderung des gesamtwirtschaftlichen „Qualifikationsmix“ wird durch das Verhältnis zwischen jungen und alten Erwerbstätigen mit beeinflusst. Die Alterung setzt hier Japan und Deutschland gleichermaßen vor Probleme.


Es gibt eine umfangreiche Literatur über die Qualifizierungssysteme in Deutschland und Japan und auch eine Vielzahl vergleichender Arbeiten. Letztere beschränken sich im wesentlichen auf eine Beschreibung der Unterschiede. Sie verharren auf der deskriptiven Ebene. Der hier beabsichtigte Vergleich unterscheidet sich darin, dass er die funktionale bzw. Performanceebene in den Mittelpunkt rückt. Zudem berücksichtigt er die in der Forschung bisher kaum beachtete Interdependenz und Komplementarität von Institutionen sowie historische Kontexte. Hierdurch lassen sich nicht nur fundiertere Kenntnisse über die Funktionsfähigkeit der Systeme gewinnen, sondern auch ein tieferes Verständnis der Möglichkeiten und Grenzen der Anpassungsfähigkeit von Institutionen und ihrer Entwicklungsdynamik.