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Deutsches Institut für Japanstudien

Holger Rockmann

Soziologie, Neuere Geschichte, Psychologie
Since April 2005
(PhD Students, April 1, 2005 - March 31, 2006)

 Dissertationsvorhaben


Demographischer Wandel und die Reaktion politischer Systeme auf damit verbundene Herausforderungen – Deutschland und Japan im Vergleich (Arbeitstitel)


Der demographische Wandel und die durch ihn heraufbeschworenen Probleme bei der Wahrung und Neugestaltung der sozialen Sicherungssysteme sorgen gegenwärtig in vielen Industrienationen für Diskussionsstoff. Auch Deutschland leidet unter den ungünstigen sozioökonomischen Effekten, welche sich aus dem andauernden und zukünftig wohl noch beschleunigenden Altern der Gesellschaft ergeben. Dabei befinden sich die sozialen Sicherungssysteme im doppelten Sinne in einer Krise: Während die Ausgaben beispielsweise für Krankenversicherung und Rente aufgrund des sich permanent erhöhenden Anteils alter Menschen an der Gesamtpopulation scheinbar unaufhörlich steigen, fehlen der Gesellschaft die junge Menschen, die mit ihren Einzahlungen in das Sozialsystem bei gleichzeitig relativ geringer Inanspruchnahme seiner Leistungen zu einer Entlastung der Kassen beitragen könnten.

Natürlich limitieren auch andere Faktoren, wie etwa die Organisation, Umfang und Verteilung von Erwerbstätigkeit, Kosten der medizinischen Versorgung bzw. von Pflegeleistungen den Umfang sozialer Leistungen. Doch auf diese Einflüsse wird in der Dissertation nur am Rande einzugehen sein, nicht zuletzt deshalb, weil diese Aspekte bereits in diversen Forschungsarbeiten thematisiert wurden. Vielmehr soll der Fokus auf die, insbesondere für die Vertreter der Politik, drängenden Fragen nach angemessener und gezielter Einflussnahme zur Bekämpfung der Krise des Wohlfahrtsstaates gerichtet werden, welche sich aus der sich abzeichnenden demographischen Entwicklung ergeben. Es wird also zu klären sein, welche Möglichkeiten zu politischem Handeln für die verantwortlichen Akteure bestehen. Von herausragender Bedeutung wird in der Arbeit daher die Frage nach den politischen Reaktionen auf die gerade kurz umrissene Problemlage sein.


Insbesondere wird in diesem Zusammenhang auf familienpolitische Fragestellungen einzugehen sein. Es soll untersucht werden, inwieweit Familienpolitik als zentrales Feld politischen Handelns erkannt wird. Hier spielt die Frage nach sozialen Normen, soweit sie den Bereich der Familie betreffen eine wichtige Rolle. Denn das Problem der gesunkenen und weiterhin niedrigen Geburtenrate hat auch eine normative Dimension, die es näher zu beleuchten gilt. Welche Gründe sprechen für die geringe Neigung der Menschen, Kinder aufzuziehen?


Ein weiterer Aspekt, welcher in der Arbeit eine wesentliche Rolle spielen soll, ist die Migration als ein Instrument zur Bekämpfung der negativen demographischen Effekte. Es soll untersucht werden, inwiefern Einwanderung als ein probates Mittel gelten kann, um die niedrige Geburtenrate und das damit einhergehende Schrumpfen des Anteiles erwerbsfähiger Personen an der Gesamtpopulation auszugleichen. Insbesondere soll hier nach der Akzeptanz von Einwanderung in der Bevölkerung gefragt werden, da diese letztendlich definiert, was auf politischer Ebene seitens der politisch Handelnden überhaupt entschieden werden kann und was nicht. Demzufolge wird auch das Thema Migration auf seine normative Dimension hin zu untersuchen sein.


Um die Situation in Deutschland präziser einordnen zu können, bietet sich ein Vergleich mit anderen Industrienationen an, die ihrerseits vor ähnlichen Herausforderungen stehen. Ein Land, das geradezu prototypisch für die Überalterungsproblematik steht und in dem der Anteil der Alten an der Gesamtbevölkerung schon gegenwärtig so hoch ist wie in keiner anderen Nation ist Japan. Daher soll Japan als Vergleichsobjekt herangezogen werden und an seinem Beispiel untersucht werden, wie ein sich vom deutschen relativ stark unterscheidendes politisches System unter teilweise anderen normativen Voraussetzungen auf ähnliche Problemlagen reagiert.


Der interessanteste Aspekt, der für Japan als Vergleichsobjekt spricht, ist die Tatsache, dass dort im Gegensatz zu Deutschland (und den meisten westlichen Nationen) Einwanderung eine untergeordnete Rolle spielt. Während die Einwanderungsdebatte in Deutschland in der öffentlichen Diskussion seit geraumer Zeit an Intensität und Schärfe zunimmt, findet sie in Japan allenfalls sehr zurückhaltend statt. Zumindest lässt sich sagen, dass sie im öffentlichen Bewusstsein kaum wahrgenommen wird, auch wenn es vereinzelt Versuche gab, Einwanderung zu fördern (z.B. Einwanderung von Südamerikanern japanischer Abstammung). Die halbherzigen Versuche in der Vergangenheit, Einwanderung in sehr engen Grenzen zuzulassen, können jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Japan bis heute ein Land ist, das dem Thema Einwanderung sehr reserviert gegenübersteht. Umso interessanter ist Japan speziell aus deutscher Sicht. In zweierlei Hinsicht könnte eine Untersuchung der Folgen der japanischen Einwanderungspolitik auf die Sicherung der Sozialsysteme aus deutscher Perspektive aufschlussreich sein. Zum einen kann Japans Migrationspolitik als Fallbeispiel dienen, überspitzt formuliert als reales Experiment verstanden werden, vor dessen Hintergrund sich eine Bewertung des Stellenwertes des Migrationsaspektes anbietet. Zum anderen ist es interessant, zu ergründen auf welche Weise die Politik unter der Bedingung stark limitierter Einwanderung auf die sich abzeichnenden demographischen Probleme reagiert und welche Lösungsstrategien unter diesen Umständen entwickelt werden.