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Deutsches Institut für Japanstudien

Michael Wachutka

Japanologie, Kulturgeschichte
Seit November 2001
(Stipendiaten, 7. November 2001 - 30. September 2002)

Thema der Dissertation


 Iida Takesato war vieles – Literat, Poet, Historiker, Shintō-Priester, Regierungsberater und, vor allem, Gelehrter des klassischen japanischen Kanons. Der Nachwelt ist er heute jedoch besonders in einer Rolle bekannt: als Verfasser des 70-bändigen Nihonshoki-tsūshaku, des umfassendsten Kommentarwerkes zum Nihongi, das jemals geschrieben wurde.

Die 48-jährige Entstehungsgeschichte dieses Werkes – in seiner Bedeutung ähnlich zu bewerten wie Motoori Norinaga’s Kojiki-den – ist eingebettet in den Wandel der japanischen Wissenschaftsauffassung während einer der wichtigsten Umbruchsphasen der japanischen Geschichte: von der zu Ende gehenden feudalen Tokugawazeit bis weit in die Ära Meiji, mit ihrer anfangs überschwenglichen Öffnung für alles Westliche und der späteren ideologisch geprägten Rückbesinnung auf den „wahren“ japanischen Geist.
Die historischen Turbulenzen in der Entstehungsphase des Werkes spiegeln sich auch in der persönlichen Wandlung und Reifung des Wissenschaftlers Iida Takesato. Der anfangs heißblütige, jugendliche Streiter für die Wiederherstellung der kaiserlichen Macht an der Seite von Saigō Takamori, Ōkubo Toshimichi, Kido Takayoshi und Iwakura Tomomi, entwickelt sich zum gemäßigten, auf Wissenschaftlichkeit bedachten Literaturexperten, Sozialkritiker, Regierungsberater und Lehrer. Immer wieder erkennt man in Iidas zahlreichen Essays und Gedichten den Versuch, die durch intensive Interaktion mit westlichen Kollegen gewonnenen neuen Blickwinkel mit seiner Ausbildung in der Hirata-Schule sowie den ideologischen und politischen Vorgaben seiner Zeit in Einklang zu bringen und diese neu zu deuten.

Aus dieser Motivation heraus begründete Iida 1886 die Ōyashima-gakkai, eine Vereinigung vieler prominenter Gelehrter, hauptsächlich aus der kokugaku Tradition, die zum Ziel hatte, die zunehmende Ideologisierung der Gesellschaft durch Wissenschaftlichkeit auszugleichen.
Zu ihren Mitgliedern gehörten neben Iida Takesato auch viele weitere prominente Persönlichkeiten – darunter etwa Kimura Masakoto, Motoori Toyokai, Yano Harumichi, Kurokawa Mayori oder Mozume Takami. Diese waren wiederum maßgeblich beteiligt an so bedeutenden Werken wie Daijirin, Kōbunko oder Kojiruien und machten sich neben ihrer akademischen Laufbahn oft auch als führende Regierungsbeamte einen Namen.

Viele Angehörige dieser Vereinigung waren langjährige Professoren an verschiedenen japanischen Universitäten. Iida selbst lehrte beispielsweise an der damaligen Kaiserlichen Universität zu Tōkyō sowie den Universitäten Kokugakuin und Keiō die japanischen Klassiker und hat dadurch eine ganze Generation von Akademikern und späteren Regierungsmitgliedern unterrichtet und mit geprägt.
Ein besonders interessanter Aspekt hierbei ist Iida’s direkte Zusammenarbeit mit westlichen Wissenschaftlern wie etwa Karl Florenz und B.H. Chamberlain. Die Dimension dieses gegenseitigen Wissenstransfers bedarf noch weitergehender Forschungen, wobei meine bisherigen Untersuchungen zum Vergleich der Mythologieforschungen von Iida und Florenz ein erster Schritt in diese Richtung ist. Der tiefgreifende Einfluß dieser Zusammenarbeit ist unter anderem aus der Tatsache ersichtlich, daß Iida Takesato in seiner späten Schaffensphase etliche Ansätze und Fragestellungen der neu vermittelten Humanwissenschaften wie Archäologie, Anthropologie, Historiographie, Volkskunde oder Soziologie aufgreift und neben den späteren Essays teilweise auch schon in die Arbeit an seinem Monumentalwerk einbindet.

Einige von Iidas Essays, Kritiken und Gedichten wurden posthum von seinem Sohn Sueharu in dem Band Hōshitsushū veröffentlicht. Ein Großteil aber ist weiterhin nur verstreut in verschieden Zeitschrift (Kōtenkōkyūjo-kōen, Kokugakuin-zasshi etc.), vornehmlich jedoch in der eigenen Publikationsreihe der Wissenschaftsvereinigung, der Zeitschrift Ōyashimagakkai-zasshi, veröffentlicht.
Sein breites Repertoire reicht dabei von Fragen zur alten Geschichte und Kritiken zur klassischen Literatur, bis „Gegenwartsbezogenes“, wie die Herrschaftslegitimation des Kaiserhauses. Zusammen mit Iidas vielen Abhandlungen befinden sich in dieser Zeitschrift natürlich auch etliche Essays mit Ideen und Vorstellungen der weiteren Mitglieder.
Diese wichtige Primärquelle für die Interpretation der Zeitumstände, für Iida Takesatos persönlichen Wandel im Zuge seiner Zusammenarbeit mit westlichen Forschern während der Erstellung des Nihonshoki-tsūshaku, und nicht zuletzt für das Wissenschaftsverständnis und Meinungsbild der verschiedensten prominenten Autoren, ist bisher, auch von japanischer Seite, noch nie ausführlich untersucht und ausgewertet worden.

Beobachtet man die gegenwärtige, teils heftige innerjapanische Diskussion um die eigene nationale Identität und eine von Seiten der Politik wieder spürbarer werdende Tendenz zur Ideologisierung der Gesellschaft, so wird deutlich, daß viele der zur Wirkungszeit Iida Takesatos vorherrschenden tagespolitischen Themen eine bis heute noch ungelöste, tiefe Kontroverse in der japanischen Gesellschaft selbst darstellen. Man denke hierbei nur an die „Japan als Götterland“-Debatte nach Äußerungen des damaligen Premierministers Mori im Jahre 2000, die als eine der ersten Amtshandlungen des neuen Ministerpräsidenten Koizumi angekündigte und später abgestattete, offiziellen Besuchs in der Funktion als Regierungschef am umstrittenen Yasukuni-Schrein im August 2001, oder den fortdauernden Schulbuchstreit um „revisionistische Entwürfe“ für einen potentiell rechtslastigeren Geschichtsunterricht.
Gerade auch im Vergleich zur momentanen Gesellschaftssituation ergibt sich daher die Möglichkeit, Iida und seine akademische Vereinigung Ōyashima-gakkai als Modell zu sehen für eine auf indirekten Widerstand ausgerichtete, durch „aufklärerische“ Wissenschaftlichkeit langfristig auf die gesellschaftspolitischen Tendenzen wirken wollende Steuerungsbestrebung. Demnach würde eine Verwirklichung des hier dargestellten Projekts auch eine Vergleichsfolie bieten, vor deren Hintergrund die zwischen Ablehnung und Anpassung schwankende Reaktion heutiger sogenannter „Intellektueller“ auf eine zunehmende Ideologisierung der Gesellschaft nachvollziehbarer wird.


MITGLIEDSCHAFTEN

• Association for Asian Studie, AAS
• European Association for Japanese Studies, EAJS
• Gesellschaft für Japanforschung, GJF
• Deutsche Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens, OAG-Tōkyō
• Akademische Verbindung Cheruskia, Tübingen
• Akademische Verbindung Edo-Rhenania, Tōkyō