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Deutsches Institut für Japanstudien


Japan als Fallbeispiel in den Wissenschaften

16. September 1997

Was kann das Beispiel Japans, das aus der Sicht der wissenschaftlichen Theorien oft als Spezifikum zu gelten hat, zur Theoriebildung im Sinne einer Verfeinerung oder Modifikation beitragen? ・so lautete die Leitfrage des vom 16. bis 17. September am DIJ abgehaltenen Symposiums. Ausgangspunkt war die Überlegung, daß in den Human-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften in der Vergangenheit bisher zumeist vom westlichen Beispiel ausgegangen wurde, wenn es um die Formulierung allgemeiner Thesen und Theorien ging. Die zweitägige Tagung führte Repräsentanten aus Soziologie, Geschichts-, Politik-, Wirtschafts-, Rechts-, Sprach- und Literaturwissenschaft zusammen, die sich vor allem darüber äußerten und austauschten, welcher Stellenwert dem Paradigma Japan im Rahmen ihrer Disziplin zukommt. Den Auftakt bildete Michael Geyer (University of Chicago) mit seinem Beitrag „Locating Japan in an Age of Globalization“, gefolgt von Carol Gluck (Columbia University, New York), deren Thema „The End of Elsewhere: History, Memory, and Modernity in Japan“ lautete. Johann P. Arnason (La Trobe University, Bundoora) stellte die Frage „Is Japan a civilization sui generis?“, während sich Wernhard Möschel (Universität Tübingen) zu dem Thema „Japanisches Kartellrecht ・von außen gesehen“ äußerte. Paul Kevenhörster (Westfälische Wilhelms-Universität, Münster) referierte über „Japan ・politische Entscheidungsstrukturen im Spiegel politikwissenschaftlicher Theorien“, der Beitrag von Franz Waldenberger (DIJ, Tōkyō) behandelte das Thema „Erfolg durch Andersartigkeit? Die wirtschaftswissenschaftliche Auseinandersetzung mit Japan“, und Götz Wienold (Dokkyō-Universität, Saitama) sprach über „Linguistische Typologie und Japanisch“. Den achten und letzten Beitrag, welcher den Titel „Toward a Japanese Theory of the Novel“ trug, lieferte Janet Walker (Rutgers University, New Brunswick). Ergänzt wurde jeder der Vorträge durch einen Kommentar (gehalten von Ōtake Hideo von der Universität Kyōto, Hirowatari Seigo von der Universität Tōkyō, Werner Pascha von der Gerhard-Mercator-Universität Duisburg und Klaus Antoni von der Universität Trier) sowie eine sich anschließende Diskussion. Den Abschluß der Tagung bildete ein ausgedehnter Meinungsaustausch, der nicht nur erneut die Komplexität des Themas deutlich vor Augen führte, sondern auch konkrete Perspektiven für die weitere Beschäftigung mit den aufgeworfenen Fragen aufzeigte.


Die Tagung spiegelte, wie nicht anders zu erwarten, in den einzelnen Beiträgen die disziplinspezifischen Ansätze wider, doch gelang es nicht zuletzt mit Hilfe der aus einer jeweils anderen Disziplin gewählten Kommentatoren, einen allgemeinen Zugang zu finden, der das Gespräch auf die Meta-Ebene lenkte.


Ein charakteristischer Zugang in der sich anschließenden Auswertung der Ergebnisse bestand darin, die jeweils in unterschiedlichem Ausmaß namhaft gemachten Japan-Spezifika als Residualmenge zu verorten. Anders gesagt, man operierte mit einem nicht erklärungsmächtigen „Rest“ in Bezug auf die Analyse japanischer Gegenstände, der die Grenzen der jeweiligen Theorie oder Methode beleuchten sollte. Ein anderer Zugang, der im Beitrag aus der Linguistik auf vorbildliche Weise vorgeführt wurde, machte wissenschaftsexterne Faktoren wie historische Zufälle, ökonomische und andere Interessenlagen namhaft, um die Einbeziehung und bevorzugte Berücksichtigung des „Fallbeispiels Japan“ zu erläutern. Zudem bewies dieses Symposium erneut, daß sich auch unter Vertretern gänzlich unterschiedlicher Diziplinen ein fruchtbarer und anregender Dialog entwickeln kann. Eine Veröffentlichung der Konferenzbeiträge ist vorgesehen.


Die Konferenz wurde gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der Friedrich-Ebert-Stiftung.