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Deutsches Institut für Japanstudien

Research Overview

(Re)Locating Intimacy: Spatial Perspectives on Personal Relationships in Contemporary Japan:


English, PDF (1.6 MB)

Risiken und Chancen der ‚Solo-Gesellschaft’. (Re)Locating Intimacy – Räumliche Perspektiven auf Persönliche Beziehungen im Japan der Gegenwart

Wie in allen postindustriellen Gesellschaften unterliegt die Struktur persönlicher Beziehungen in Japan einem grundlegenden Wandel: Immer mehr junge Menschen heiraten später oder gar nicht, immer mehr Menschen aller Altersgruppen leben (dauerhaft oder temporär) allein; Studien im japanischen Kontext sprechen von einem „Zeitalter der dauerhaft Ledigen“ (Nagata 2017) oder dem Entstehen einer „Hyper-Solo-Gesellschaft“ (Arakawa 2017). Während jedoch der Wandel des Heiratsverhaltens in den letzten Jahrzehnten bereits umfassend untersucht wurde, finden individuelle Beziehungswelten lediger, geschiedener und/oder alleinlebender Menschen bisher so gut wie keine eigenständige Beachtung. Vielmehr wird diesen Personen im öffentlichen Diskurs eine zunehmende ‚Beziehungsmüdigkeit’ und der Verzicht auf intime Beziehungen nachgesagt (Ushikubo 2015); auf gesamtgesellschaftlicher Ebene wird das Entstehen einer society without ties (muen shakai) diskutiert (Hommerich 2015: 47f.). Während die wenigen vorhandenen statistischen Daten diesen Trend zu bestätigen scheinen, weisen erste qualitative Studien darauf hin, dass sich individuelle Beziehungswelten durch Diversität auszeichnen und im Hinblick auf eine zunehmend ungewissere Zukunft einer eingehenden Untersuchung bedürfen.

Vor diesem Hintergrund werden in der vorliegenden Studie drei Hauptziele verfolgt: Aufgrund einiger Kontextspezifika – gendersegregierte Arbeitsplätze, erwerbsbedingte Multilokalität, hohe Mobilitätsanforderungen, der Verbleib (junger) Erwachsener im Elternhaus, räumliche Enge – stellt sich erstens die Frage, welche Räume für das (Er-)Leben von intimen Praktiken (überhaupt) zur Verfügung stehen und welche Räume möglicherweise ‚neu‘ geschaffen werden. Dadurch wird zweitens ein differenzierter und systematischer Einblick in individuelle Beziehungswelten (auch: Beziehungslosigkeit) lediger, geschiedener und/oder alleinlebender Personen angestrebt, um so die in der Forschung vorherrschende Dichotomie von ‚(noch) ledig (allein)‘ und ‚verheiratet‘  zu durchbrechen. Auf diese Weise wird drittens untersucht, inwiefern diese ‚Beziehungsräume’ im Sinne ‚neuer Lebensgrundlagen’ (Muta 2009) vor dem Hintergrund der gegenwärtigen gesellschaftlichen Umwälzungen und der sich hieraus ergebenden sozialpolitischen Herausforderungen Funktionen der klassischen Kernfamilie übernehmen können und möglicherweise müssen. Zusammenfassend werden so komplexe Zusammenhänge und mögliche Wechselbeziehungen von ‚Intimität’ und ‚Raum’ erarbeitet und Fragen von Zugehörigkeit, Solidarität und sozialem Wandel im Japan der Gegenwart adressiert.

Um diese Thematik zu untersuchen, greift das vorliegende Forschungsvorhaben auf theoretische Ansätze der Raumsoziologie sowie der subjektbezogenen Soziologie zurück; als relevant erachtet werden neben den familiensoziologischen Konzepten practices of intimacy (Jamieson 2011) und doing family (Jurczyk et al. 2014) insbesondere raumsoziologische Konzepte sowie Konzepte der Humangeograhie. Die Studie ist grundsätzlich qualitativ konzipiert (Experteninterviews, teilstandardisierte Einzelinterviews, teilnehmende Beobachtung), wird jedoch in einem zweiten Schritt im Sinne eines Mixed-Methods-Ansatzes durch eine eigene Umfrage (deskriptive Statistik) sowie die Nutzung und Auswertung bereits vorhandener (internationaler) Datensätze ergänzt, um die Kontextualisierung und Systematisierung der Daten zu gewährleisten.

Personal

Nora Kottmann Nora Kottmann
(Social Science)

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