Deutsches Institut für Japanstudien nav lang search
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Deutsches Institut für Japanstudien
Sonja Hülsebus

Sonja Hülsebus

Sonja Hülsebus
Japanologie, Japanischer Nachkriegsdiskurs, Heritage Studies
Seit April 2018
(Stipendiaten, 1. April 2018 - 30. September 2018)

huelsebus@dijtokyo.org

Nagasaki: Eine Dark Heritage Site zwischen Erinnern und Vergessen

Ziel des Dissertationsprojekts ist es, Machtstrukturen aufzuzeigen, die für die Bildung des kollektiven Gedächtnisses im Zusammenhang mit dem Atombombenabwurf auf Nagasaki maßgebend sind. Dabei wird sich nicht nur auf den japanischen Nachkriegsdiskurs bezogen, sondern es werden ebenfalls gegenwärtige dispositive Netzstrukturen analysiert, wie sie anhand diverser Institutionen aufgezeigt werden können. Sowohl internationale Institutionen wie die UNESCO, als auch regionale Einrichtungen wie öffentliche Museen oder Kulturvereine haben auf die Konstruktion des kollektiven Gedächtnisses und somit auch auf die kollektive Identität Einfluss. Besonderes Augenmerk liegt daher auf Einrichtungen dieser Art.

Das Schicksal Hiroshimas als erste Stadt, die von einer Atombombe zerstört wurde, ist zwar nicht erst seit Ernennung des Friedensdenkmals zum UNESCO Weltkulturerbe Teil dieses Gedächtnisses, doch trug die Auszeichnung zu einem Imagewechsel Hiroshimas bei: weg von der „Atombomben-“ und hin zur „Friedensstadt“. Die lokale Repräsentation der geschichtlichen Zusammenhänge und damit insbesondere die Darstellung Japans in der Opferrolle hat schließlich einen beachtlichen Einfluss auf die Rezeption Japans im Zweiten Weltkrieg. Repräsentationen dieser Art sind natürlich auch politisch motiviert, werden aber besonders effektiv im Zusammenspiel mit kulturellen Einrichtungen konstruiert.

Viele JapanerInnen besuchen im Laufe ihres Lebens irgendwann einmal Hiroshima und den Friedensgedenkpark. Die Anzahl der Besucher ist nach Ernennung zum UNESCO Weltkulturerbe sogar noch gestiegen. Jedoch stellt sich hier die Frage, ob mit höherer Besucherzahl gleichzeitig die Masse an Informationen rund um den Atombombenabwurf und den Zweiten Weltkrieg ebenfalls zugenommen hat. Außerdem wird eine Exkursion nach Hiroshima als Bestandteil des Curriculums japanischer Mittel- und Oberschulen empfohlen. Da die Entscheidung aber bei den Schulen selbst liegt, werden oftmals andere Exkursionsziele gewählt. Der Besuch Hiroshimas ist für viele schließlich mit hohen Reisekosten verbunden, die einen nicht unerheblichen Hinderungsgrund darstellen, was sowohl für Exkursionen als auch für Privatreisen gilt. Aktuelle Daten müssen zu diesem Thema noch analysiert bzw. ggf. selbst erhoben werden.

Aufgrund ihres Status als erste von Atombomben zerstörte Stadt steht das Schicksal Hiroshimas im Zentrum des japanischen Nachkriegsdiskurses. Wissenschaftliche Untersuchungen zu Nagasaki als die zweite Stadt, die ein solches Schicksal erlebte, sind deutlich in der Unterzahl. Bislang konzentriert sich die Forschung auf die politisch-historische und ethische Untersuchung der Atombombenabwürfe, die Verarbeitung der Folgen in der Literatur und anderen Kunstformen oder auch seit wenigen Jahren den Zusammenhang zwischen Hiroshima, Nagasaki und Fukushima als die drei atomaren Katastrophen Japans. Forschungen zum Einfluss von Institutionen auf die Repräsentation historischer Ereignisse und damit auf die Formung des kollektiven Gedächtnisses bzw. der kollektiven Identität wurden indes kaum unternommen.

Das vorliegende Promotionsvorhaben beabsichtigt, diese Lücke zu schließen, indem sich einerseits auf Nagasaki konzentriert und andererseits die Bedeutung öffentlicher Einrichtungen für die Repräsentation japanischer Identität mithilfe der Dispositivanalyse untersucht wird. Die Entwicklung des Ausstellungskonzepts des Atombombenmuseums in Nagasaki soll ebenso untersucht werden, wie die Schaffung von Erinnerungsorten. Ein mit dem Genbaku Dome vergleichbares Monument gibt es in Nagasaki beispielsweise nicht. Die Frage nach alternativen Erinnerungsorten und schließlich auch die Frage, ob im Falle Nagasakis überhaupt von einer Dark Heritage Site gesprochen werden kann, beziehungsweise was Nagasaki von Hiroshima in dieser Hinsicht unterscheidet, bleiben zu klären.